Vintage – die Lust an alten Dingen

Alle reden über Vintage, aber was ist das eigentlich? Vintage ist die Lust an Dingen mit Geschichte, an Möbeln mit Vergangenheit, Einzelstücken aus vergangenen Zeiten, Erinnerungsstücken mit Patina. Wir umgeben uns wieder mit Möbeln und Accessoires, die eben nicht makellos sind, uns aber etwas bedeuten. Genau das macht sie so einzigartig. Wir finden, dieser Trend ist es wert, mal genauer untersucht zu werden.

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Mit Vintage-Möbeln könnt ihr – zusätzlich zu dem coolen Look – im Geiste in längst vergangene Epochen reisen.

 „Das ist ja total altmodisch!“ Diese Wertung bedeutet gelinde gesagt nicht etwas wirklich Positives. Sie wird oft genug gleichgesetzt mit „nicht mehr zu gebrauchen“. Was nicht mehr perfekt aussieht oder nicht mehr im Trend ist, wird weggeworfen und durch etwas Neues ersetzt – dieser Lebensstil ist uns in Fleisch und Blut übergegangen.

Umso erstaunlicher und vielleicht auch erfreulicher, dass sich nach der Vintage-Welle in der Mode nun auch schon seit geraumer Zeit in Sachen Möbel ein Gegentrend abzeichnet. Alles soll am besten gebraucht, abgenutzt und irgendwie nostalgisch aussehen. So als ob wir scheinbar schon unser halbes Leben mit diesem Sessel oder jener Lampe verbracht hätten und uns einfach nicht davon trennen können.

Dass viele der von uns geliebten Dinge in Flohmarkt-Optik eigentlich nagelneu sind, sollte dabei nicht stören – schließlich sieht man es ihnen nicht an, wenn sie von guter Qualität sind. Welche Möglichkeiten der Vintage-Look, auch Shabby Chic genannt, für euch bereithält, und welche Tricks es gibt, um Neues auf Alt zu trimmen, wollen wir euch hier zeigen.

Wie viel Vintage verträgt meine Wohnung?

Wir finden, dass einige wenige, aber dafür hochwertige Möbelstücke mehr hermachen als viele halbherzige Stücke. Wenn ihr eure bereits vorhandene Einrichtung mit Vintage aufpeppen wollt, solltet ihr darauf achten, dass der Kontrast nicht zu krass ausfällt.

Natürlich kann in einem hypermodernen Loft auch ein altes, gemütliches Ledersofa im „Mad Men“-Stil oder ein verspieltes viktorianisches Beistelltischchen stehen. Schließlich werten Design-Klassiker jede Wohnung auf. (->mehr darüber könnt ihr in unserer neuen vivondu-Serie „Design-Klassiker“ lesen).

Wenn ihr sonst alles beispielsweise im skandinavisch-schlichten Look eingerichtet habt, könnte der Stilmix etwas zu unruhig ausfallen. Achtet also darauf, dass das Gesamtbild stimmig ist. Ihr solltet euch in eurer Wohnung nicht vorkommen wie in einem Möbelhaus, wo auf 70m2 fünf verschiedene Stilrichtungen vertreten sind.

Wie sieht klassisches Vintage aus?

Der klassische Vintage-Look darf ruhig Ecken und Kanten haben: Holzmöbel mit kleinen Macken, auf denen sich vielleicht noch Reste abgeblätterter Farbe finden, leicht abgeschabte Samtsofas in Pastelltönen, Kommoden die aussehen, als hätten sie schon in Omas Wohnzimmer gestanden… Alles ist erlaubt. Hauptsache die Möbel sehen nicht wie frisch gekauft und makellos aus.

Viele Beispiele für klassisches Vintage und jede Menge Bilder zum Schwelgen findet ihr zum Beispiel hier auf lebutiksofie.blogspot.de.

Der Reiz am Vintage besteht auch darin, sich vielleicht das eine oder andere Teil ins Haus zu holen, das zwar keinen direkten praktischen Wert hat, euch aber eine Geschichte aus vergangenen Zeiten erzählen kann, oder euch einfach nur Freude am Betrachten bringt.

Stellt euch das Konzept Vintage wie eine dekorative Zeitmaschine vor, die euch jederzeit in eine andere, spannende Epoche bringt und dabei wahnsinnig interessant anzuschauen ist.

Dazu gehören natürlich Dinge, die irgendwie aus der Zeit gefallen sind. Das kann zum Beispiel eine alte Nähmaschine der Firma Pfaff sein, die auf einem dazu passenden Biedermeier-Nähtischchen alle Blicke auf sich zieht. Oder ein schon leicht angelaufenes silbernes Teeservice, das genauso gut in einem englischen Landhaus stehen könnte. Oder ein goldenes Grammophon à la „Boardwalk Empire“, das das Flair vergangener Zeiten verbreitet. Alte Truhen mit Goldschloss in Shabby-Optik holen hingegen ein bisschen Piraten-Feeling in die Wohnung. Die Autorin von vintaliciously.blogspot.de hat sich mit Leib und Seele dem Vintage-Lifestyle verschrieben – hier könnt ihr euch inspirieren lassen.

Solche Spielereien sehen toll aus, kommen aber nur richtig zur Geltung, wenn ihr auch genügend Platz dafür habt. Falls eure Wohnung nicht ganz so groß ist, beschränkt euch ruhig auf Möbelstücke, die ihr im täglichen Leben tatsächlich nutzt, also Betten, Stühle, Tische, Schränke und Regale.

Dekorieren im Vintage-Stil

In dieser Hinsicht ist Vintage ein wahres Eldorado, denn für kaum einen anderen Einrichtungsstil finden sich so viele wunderschöne Deko-Artikel. Und was für die großen Möbelstücke gilt, wird natürlich auch auf kleine, feine Accessoires übertragen: Es zählt die Liebe zum Detail, die jedes Stück besonders macht.

Es lohnt sich deshalb wirklich, an einem Samstagnachmittag mal über den Floh- oder Antikmarkt zu bummeln und sich für wenig Geld mit vielen tollen Dingen einzudecken.

In Sachen Deko darf es auch ein bisschen romantisch werden: Verspielte Kerzenständer, Spiegel, Vasen, Servietten, Decken, Plaids, Hussen oder Untersetzer sind Hingucker, die nostalgischen Charme versprühen. Auch Blumen in allen Formen und Farben, egal ob getrocknet oder frisch, dürfen in eurem Vintage-Wohnzimmer nicht fehlen. Die Autorin von vintage-paper-design-blogspot.de zeigt euch, wie ihr diese gekonnt in Szene setzt.

Wohnaccessoires in Strick- und Häkeloptik sind momentan besonders angesagt, zum Beispiel Decken, Kissenbezüge (bspw. bei haekeln-im-quadrat.de) oder kleine Platzdeckchen. Mit Hilfe diverser Anleitungen aus dem Internet sind die ganz schnell und einfach selbst hergestellt, und wer weiß, vielleicht entdeckt ihr ja eine neue Leidenschaft?

Wie kann ich den Vintage-Look für meine Möbel selber machen?

Die DYI-Gemeinde im Internet hat den Vintage-Look natürlich schon längst für sich entdeckt, schließlich gibt es hier so gut wie keine Grenzen oder Regeln. Es wird fröhlich gebeizt, lasiert, angestrichen und wieder abgeschmirgelt, neu lackiert und restauriert. Der Vorteil ist, dass ihr kein neues Möbelstück kaufen müsst. Schaut euch einfach mal in eurer Wohnung um. Vielleicht entdeckt ihr ja ein Teil, dessen Verschönerung ihr zu eurem Projekt machen wollt.

Hier ein kurzer Überblick über die gängigsten Methoden

Holzmöbel beizen

Durch Beizen lässt sich bei Möbeln eine altersbedingte Verfärbung nachahmen. Holz wird dadurch zum Beispiel dunkler und bekommt seine heiß begehrte Patina, da auch Jahresringe besser sichtbar sind. Beizen kann der DYI-Handwerker mit gebrauchsfertigen Flüssigkeiten und Pulvern. Dabei wird Beizpulver in heißem Wasser aufgelöst und ist nach dem Abkühlen gleich einsetzbar. Aufpassen heißt es beim Pinsel: Er sollte kein Metall an sich haben.

Das Holz sollte möglichst unbehandelt und die Oberfläche fettfrei sein, damit der Beiz-Effekt voll durchkommt. Falls sich noch Farbreste im Holz befinden, wird die Beize unregelmäßig aufgesogen – das Endergebnis ist fleckig. Wenn die Beize trocknet, richten sich kleine Fasern im Holz auf, die ihr am besten hinterher mit feinem Schleifpapier glättet.

Möbel kalken

Wer den leicht heruntergekommenen Look abgeblätterter Farbe auf Möbeln gut findet, kann es mal mit der Kalktechnik versuchen – allerdings klappt das nur bei Massivholz, nicht bei furnierten Hölzern.

Dabei wird zuerst das Holz mit einer Messingdrahtbürste bearbeitet, damit sich die Poren öffnen. Dann werden die Poren des Holzes quer zur Faserung mit einem Kalkbrei gefüllt. Diesen gibt es fertig zu kaufen. Wenn alles trocken ist, wird die gekalkte Fläche blank gerieben. Typische Vintage-Farben sind zum Beispiel Weiß oder alle Pastelltöne.

Lasuren machen

Mit Lasuren erzielt man einen ähnlichen Effekt wie beim Kalken: Ein Hauch von Farbe soll noch durchschimmern, aber eben nur ein Hauch. Zum Lasieren braucht ihr weiße Innenraumfarbe, die mit 20 bis 30 Prozent Wasser verdünnt und mit einem Lappen aufgetragen wird.

Ist die Farbe getrocknet, kommt ein Anstrich mit Dünnschichtlasur darüber, am besten in den Tönen Kastanie oder Mahagoni. Die weiße Farbe, die noch durch den Lack schimmert, gibt dem Möbelstück ein antikes Aussehen.

Oberflächen krakelieren

Fast jeder hat schon einmal auf Bildern oder in natura ein Möbelstück gesehen, das mit Krakelierlack bearbeitet wurde, so beliebt ist der Look mittlerweile. Sogenannten Reiß- oder Krakelierlack gibt es im Bastelbedarf. Nachdem ihr einen normalen Grundlack auf die Oberfläche aufgetragen habt (hier eignet sich eigentlich jedes Holz), folgt der Speziallack. Hier könnt ihr eine oder auch mehrere verschiedene Farben nehmen.

Wenn der Speziallack antrocknet, reißt er ein, und bildet so das charakteristische Muster. Da das Endergebnis sehr auffällig wirkt, solltet ihr das Krakelieren erst einmal an einem kleinen Stück Holz ausprobieren. Die Technik eignet sich eher für kleine Flächen, wie zum Beispiel Spiegelrahmen. Auf großen Flächen muss der Reißlack nämlich satter und nasser aufgetragen werden. Ein genaues How-To zum Thema Krakelieren gibt es auch hier auf YouTube.

Wir hoffen, wir konnten euch die Faszination Vintage erklären, und vielleicht sogar die romantische Seite in euch zum Klingen bringen. Und wenn ihr euch demnächst unsterblich in einen Renaissance-Schrank aus dem 16. Jahrhundert verliebt, dann denkt daran: Ihr seid nicht allein!

Foto: © Aarrttuurr – Fotolia.com

 

Über den Autor

Ich bin die Genaue bei vivondu. Als Innenarchitektin erstaunen mich meine Kunden oft durch Wünsche und Vorstellungen ihrer Immobilienträume. Genau diese Auffälligkeiten verarbeite ich in meinen Beiträgen. Ich bin Hamburgerin und mag den herben Norden.

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